Vorschau-Kapitel des 3. Teils der Serie Crossing Capricorn

Aus dem Buch Brennende Saat

Ein Kapitelentwurf, rückblickend auf ein damals noch einmaliges Abenteuer im Nordwesten Westaustraliens.

Die Augen von Ningaloo

Es waren ein paar recht anstrengende, aber auch lehrreiche Wochen dort oben in Port Hedland, doch als das Seminar und die anschließende Auszeit, die wir meist in Begleitung unserer Freunde genossen haben, sich zu Ende neigen, sind wir nur noch auf Abreise getrimmt. Endlich wollen wir losziehen, der Pink Land Cruiser ist vollgepackt, und das Dinghy liegt vollgetankt und auf echte Korallensee wartend auf dem Trailer. Selbstverständlich sind wir mehrfach in Port Hedland und der Umgegend am Meer gewesen, haben das Boot zum Fischen genutzt, aber ins Wasser gehen und die See genießen war dort oben nicht zuletzt aufgrund der Rauheit des Indischen Ozeans nahezu unmöglich. Seewespen, Blauring Oktopus, Krokodile und Haie sind nur einige der Gefahren im Meer oberhalb der industriell geprägten Hafenstadt. Auch zeitlich gesehen war es uns wichtiger, die Region entlang der Küste zu erkunden, denn das konnten wir zu viert im klimatisierten Fahrzeug angehen, wogegen Dinghy Abenteuer nur für zwei von uns möglich gewesen wären, wenn auch Yachtcharterausflüge als kostspielige Alternative zuhauf im Angebot vorlagen.

Die Anreise von Port Hedland nach Exmouth ist nur einmal wöchentlich mit einer zweimotorigen Maschine möglich, und als Alternative nehmen wir den eigenen Four Wheel Drive und fahren die Strecke eben selbst. Und da wir ja sowieso gen Süden unterwegs sind, nutzen wir die Gelegenheit und fahren unser Gespann die knapp achthundert Kilometer entlang der Nordwestküste in einem Zuge. Nach dem Städtchen Exmouth kommen dann noch die knapp einhundertfünfzig bis zum Ningaloo Marinepark hinzu.

Die Spannung wächst, je näher wir dem Ziel entgegenrütteln, denn die Straße, auf der wir uns seit Exmouth befinden, und über die wir seit nunmehr einer Stunde poltern, basiert, wie könnte es auch anders sein, auf grobem Schotter. Wir richten uns in einem Wildnis Camp direkt am Strand einer der zauberhaften Buchten des Ningaloo Reef Marine Park ein, haben in Exmouth bereits ein Dive-Adventure gebucht und sind am darauffolgenden Tag pünktlich vor Ort, um an Bord der kleinen, aber feinen Yacht zu gehen. Das Umladen der Ausrüstung ist schnell geschehen, wir packen gut mit an, die Zeit rennt, die Tauchflaschen sind schnell und sicher verstaut, das Equipment wird sorgfältig überprüft, und wir befinden uns in ungewohnter Anspannung, da kurz davor, abzulegen.

Gemeinsam mit vier weiteren Tauchbegeisterten freuen wir uns auf die bevorstehenden Tauchgänge und diesmal soll es etwas ganz Besonderes werden. Stewart, der Skipper, legt den Katamaran bald ab und schon fühlt sich alles nur noch unrealistisch an, als würden wir auf Wolke Sieben schweben. Denn hier zu sein, hier im Ningaloo Reef auf Tauchgang mit Mantarochen, Riffhaien und zahllosen Kreaturen der See gehen zu können, ist ein lang gehegter Traum. Zudem erfüllt uns die einmalige Chance, in besonderem Glücksfall einem der riesigen Walhaie zu begegnen mit einer vollkommen neuen Spannung. Wir wollen zuerst im Team auf Tauchgang, und dann ein paar Tage später in Eigenregie auf Erkundung der Korallen nur mit Schnorchel und Fins gehen, in der Hoffnung, tatsächlich einigen der majestätischen Bewohner dieser See hautnah zu begegnen. Und das ist wahrlich nur sehr wenigen vergönnt.

Skipper Stewart gibt das Kommando zum Anker werfen und schon dreißig Minuten später sind die ersten zwei unserer kleinen Tauchgruppe im Wasser. Was ich schon immer mal ausprobieren wollte, und diesmal habe ich mir vorgenommen, diese vielleicht doch etwas verrückt anmutende Idee in die Realität umzusetzen, werde ich heute angehen. So stibitze ich eine halbe Tüte Weißbrotschnitten aus der Kombüse, stecke sie in meinen BCD, den Buoyancy Control Device, oder einfacher gesagt, die Tauchweste, bevor Fiona, die begleitende Tauchmeisterin, meine Ausrüstung ein letztes Mal vor dem Tauchgang checkt.

Meine Ausrüstung sitzt, Cheryl prüft erneut erst mein, dann ihr Equipment, ich checke ihres ebenso, nachdem Fiona auch Cheryl auf Tauchsicherheit gecheckt hat. Nachdem wir also alle mit BCD, Bleigurt, Tauchflaschen, Tauchbrille, Flossen, Schnorchel und Atmungsgerät ausgerüstet sind, um unter Wasser gehen zu können, kann es endlich zum Sprung vom Heck des Katamarans in die hier nicht sonderlich tiefen Gefilde der Ningaloo See gehen. Cheryl und ich sind seit Jahren ja beruflich am Great Barrier Reef als Tauchbegleiter aktiv gewesen, doch die Erfahrung hat immer wieder gezeigt, dass man schnell einen Fehler macht, und so freuen wir uns nach nunmehr einem knappen Jahr des nicht mehr unter Wasser Gehens, auf den gemeinsamen Tauchgang. Wir sehen das Equipment durch, das den Tauchenden per ausgleichbarem Lufteinschluss in den integrierten Luftkammern einen Höhenausgleich verschaffen soll. Präzision und äußerste Konzentration auf Sicherheit sind hier lebenswichtig.

Mein Sprung steht kurz bevor, und ich mache mich bereit. Nachdem Cheryl und ich von Fiona kontrolliert worden sind, gibt sie ihr OK und wir lassen uns rücklinks über Bord in die See fallen. Nach kurzem Abtauchen komme ich an die Oberfläche, und gebe Fiona, die nun an Bord über die Reling gelehnt, jeden von uns Tauchenden mit einem „ich bin sicher und es geht mir gut“ Blick-Check in die Tiefe entlässt, ein weiteres mit der Hand signalisiertes OK.

Saubere Luft strömt aus meiner Tauchflasche in den Atmungsapparat und ich bin happy as can be, weil ich, ja ich, persönlich mit meiner geliebten Cheryl hier sein darf und gleich auf dem sandigen Boden des Ningaloo Reef am Rande des Indischen Ozeans, im Coral Bay National Park in Westaustralien ankomme und in zehn bis vierzehn Metern Tiefe die Fische füttern werde. Die kleine Gruppe der anderen Mittauchenden ist bereits mit staunen, fühlen, fotografieren und herumschauen, was es so alles zu entdecken gibt in diesen Breitengraden der fantastischen Unterseewelt, beschäftigt, als ich mich am Meeresgrund auf die Knie niederlasse und mit einigen kleineren Fischen spiele. Die gesellen sich bereitwillig in ihrer Pracht zu mir, Cheryl lässt sich neben mir im Sand nieder und gemeinsam bewundern wir die Farbenpracht der Seekreaturen, die wir in oftmals ähnlicher Form und Farbe, aus dem Great Barrier Reef bereits kennen.

Unangekündigt zieht ein bedrohlich wirkender Schatten über uns hinweg. Wir blicken nach oben und zu erkennen ist ein stattlicher Mantarochen, der mit seinen weit ausgebreiteten Schwingen majestätisch durch die See gleitet. Wo einer ist, da kommen meist noch weitere, und tatsächlich dauert es nicht lange, bis wir die kleineren bunten Fischgruppen vergessen, weil alle den zwölf majestätisch über uns hinwegschwebenden Mantas hinterherstaunen. Es ist ein wahr gewordener Traum. Ich sehe es Cheryl an, wie sie aufgeregt auf die zahllosen Lebewesen der See zeigt und spüre ihr Glücksgefühl, das meines noch zu übertreffen scheint, hier mitten in diesem Paradies sein zu dürfen.

Cheryl, die ich nicht in meine Idee eingeweiht habe, schießt soeben noch einige Fotos von Korallen, einer Wasserschildkröte und einigen kleineren Fischschwärmen mit der Plastikunterwasserkamera. Und da ich nun schon einmal hier bin, will ich meinen Plan auch umsetzen. Ich ziehe den Plastikbeutel mit dem Weißbrot aus dem BCD und öffne ihn vorsichtig, um eine der Brotscheiben für die kleineren Fische herauszunehmen, die ich zu füttern gedenke.

Dabei unterschätze ich allerdings grandios, wie hoch der Druck in vierzehn Metern Wassertiefe tatsächlich auf die verbliebene Luft im Brotbeutel wirkt. Beim Öffnen presst sich schlagartig eine dicke Luftblase aus dem Plastik, reißt zwei der Toastscheiben mit sich und entlässt sie ins Meer.

Mit der durch die Maske ohnehin eingeschränkten Rundumsicht bemerke ich nicht, wer oder was sich von hinten, von unten oder von oben nähert. Bevor ich den Beutel im Schreck wieder verschließen kann, kommt von hinten ein riesiger Zackenbarsch heran und stülpt in einem einzigen, grazilen Flossenschlag sein weit geöffnetes Maul über die gesamte Tüte und damit auch über meine rechte Hand. Ehe ich es begreife, steckt mein kompletter Arm in dem Fisch. Mit gut anderthalb Metern Länge und einer Maulspanne von über dreißig Zentimetern ist er wahrlich kein kleiner Geselle. Er könnte einen Fußball verschlucken, denke ich noch, als sich Schockstarre und Panik über mich legen und eine sehr reale Todesangst meine Unachtsamkeit quittiert.

Doch es geschieht nichts weiter. Mein Arm steckt in dem Fischmaul, befindet sich aber nicht im Abreißen, sondern verbleibt weiterhin als ein unversehrtes Glied meines Körpers. Ich atme tief ein, während der gutmütige Barsch mich aus nächster Nähe mit einem seitlich im grünblau gemusterten Kopf stehenden Auge verwundert, beinahe erstaunt anstarrt. In diesem Moment dürften meine eigenen Augen kaum weniger groß gewesen sein als die seinen.

Die Asiatin, die leicht oberhalb von mir schwebt, rudert plötzlich wie wild mit den Armen und versucht, mir irgendetwas zu signalisieren. Doch ich bin zu sehr mit mir selbst und meinem Arm im Maul des Barsches beschäftigt, um zu begreifen, was um mich herum geschieht. Verschreckt ziehe ich meinen Arm ruckartig zurück und halte dabei noch immer den Beutel fest. Der platzt beim Herausziehen aus dem fest geschlossenen Maul des Riesen, und der krümelige Inhalt ergießt sich direkt in den Schlund des Fisches. Ein einziges, kurzes Schlucken, dann ist das Brot verschwunden, den Plastikbeutel aber halte ich fest in meiner Hand, so dass er dem Tier nicht auch noch Schaden zufügt. Der Zackenbarsch bleibt noch einen Augenblick vor mir schwebend und glotzt mich an, als wolle er sagen, hey, war das schon alles?

Meine Hand ist wieder frei, die Tüte leer, das Brot im Fisch. Ohne sich auch nur im Entferntesten für die Mahlzeit zu bedanken, wedelt er mit der Schwanzflosse davon. Ich indes bin tatsächlich unverletzt geblieben. In der Panik habe ich vollkommen vergessen, dass die Zähne des Groupers, dieses Riesenzackenbarsches, zum Mahlen, nicht aber zum Reißen da sind. So wird aus meiner dämlichen Idee des Unterwasserfütterns eine jener kleinen Anekdoten, die sich unauslöschlich einprägen.

Später, nachdem wir alle wieder an Bord sind, lacht allerdings niemand über dieses Erlebnis, das die anderen aus unserer kleinen Tauchergruppe als den schockierenden Verlustmoment eines ganzen Menschenarms in Erinnerung haben. Die Asiatin und ihr Gefährte sind so aufgebracht, dass sie sich unmittelbar bei der Tauchbegleitung Fiona und unserem Skipper über mein Verhalten beschweren, weil sie tatsächlich davon ausgegangen waren, dass dieser Fisch mir den ganzen Arm ausreißen würde.

Cheryl, die unmittelbar neben mir unter Wasser war, aber diesen Barsch nicht als Gefahr einstufen würde, ist in der Tiefe der See zwar professionell ruhig geblieben, schimpft nun an Bord aber mit mir wie ein Rohrspatz. Auch der Skipper gibt mir eine deftige, aber berechtigte Abmahnung. „Harry, so geht das nicht, selbstverständlich darf und sollte man wilde Tiere, egal wo sie einem begegnen, nicht füttern und schon gar nicht Unterwasser. Was hast du dir dabei gedacht?“

Cheryl ergänzt vorwurfsvoll, während sie sich von Fiona beim Ausziehen des Wetsuits helfen lässt, „es hätte ebenso ein Hai oder eine andere, mit schärferen Zähnen bewaffnete Kreatur sein können, die sich an deinem Stückchen Brot ergötzen möchte.“

„Sowas Idiotisches ist mir noch nicht untergekommen. du solltest dich schämen.“ Offensichtlich ist auch die Tauchlehrerin Fiona stinksauer.

„Hey Leute, tut mir leid. Ich habe es doch schon gesagt, und sehe es ja ein, kommt nicht wieder vor“, entgegne ich kleinlaut und habe begriffen, dass meine Aktion nicht nur auf belächelte Kritik, sondern auf echtes Unverständnis gestoßen ist. Schlimmer allerdings trifft mich die Erkenntnis meiner Ignoranz, dass ich alle anderen einem Risiko ausgesetzt habe.

Nachdem sich die Wogen der Diskussion, dass man die Fische besser nicht füttern sollte, geglättet haben, geht’s an ein vorzügliches Dinner an Bord des Katamarans. Bei lauen dreißig Grad, salziger Luft, und frischem Smalltalk, in den ich nicht so recht einbezogen werde, zieht die Nacht herauf. Spät gehen wir in die Kojen und der nächste Morgen bringt weitere Abenteuer in einer der schönsten Regionen, die Cheryl und mir in all den Monaten des Reisens bislang begegnet sind.

Wir sind zurück in unserem Camp in der Torquoise Bay und beschließen, am nächsten Tag eine ruhige zwei Kilometer Wanderung entlang des Yardie Creek zu unternehmen, der den Stämmen der Baiyungu, Thalanyji und Yinigurdira People als traditionelle Besitzer des Cape Range National Parks zugestanden wurde, wie uns der Ranger bei Ankunft im Park vermittelte. Der Zwischentag soll uns ein wenig Abstand vom stressigen Tauchabenteuer geben, was durch meine unüberlegte Idiotie zu einem Desaster hätte führen können. Der Abschied von der Gruppe am Nachmittag zuvor war nicht sonderlich freundlich, und auch Cheryl hat mich ihren Ärger über mein dummes Verhalten den gesamten Abend spüren lassen. Also benehme ich mich heute besonders nett, trage den schweren mit Badesachen, Picknickkorb und Getränken bepackten Rucksack, was mir bei knapp vierzig Grad doch ordentlich Schweiß ins Gesicht treibt.

Die recht kurze Wanderung entlang der Yardie Creek Gorge allerdings lohnt, als wir am oberen Fluss, der von unterirdischer Quelle gespeist, beständig Wasser führt, ein idyllisches Plätzchen Sandstrand finden, an dem wir uns niederlassen. Wir genießen unser Picknick und baden ausgiebig in dem grünlich schimmernden klaren Wasser des Creeks. Ein unspektakulärer Tag sollte man meinen, doch die Flora und Fauna sind ungemein bemerkenswert, denn als wir im oberen Gebirgsverlauf eine weitere Rast einlegen, begegnet uns neben mehreren Schwarzfußwallabys sogar eine Gruppe rote Kängurus. Selbst ein Emu mit vier Küken sehen wir am oberen Gebirgsabsatz aus einiger Ferne.

Und auch die Vogelwelt lässt sich nicht lange bitten, und wartet auf mit spektakulärem Gefieder von Schwarzkakadus und zahllosen krähenden und krächzenden rosafarbenen Galahs, den immer lauten zahlreichen Corellas, die wir an den blauumringten Augen und ihrem Krawall im Flock erkennen, sowie die zahllosen Gelbhaubenkakadus in den Eukalypten und Tamarisken.

Ein besonderer Blick, nicht zuletzt, weil ich heut früh zum Aufbruch daran gedacht habe, das Fernglas einzupacken, gilt allerdings einem Osprey Pärchen, dass wir tatsächlich im Nest beobachten können. Dabei kommt und fliegt einer der beiden Seeadler ständig, wohl um Futter in der nahen Ningaloo See zu besorgen, während sich der Partner mit dem Nestbau abmüht.

Als wir abends völlig ausgelaugt, aber auch sehr erholt und glücklich den Tag gemeinsam ausklingen lassen, ist meine Cheryl seit längerer Zeit anschmiegsam und liebevoll, was mir nach all den doch recht stressigen Monaten des Miningbuckelns ein heimliches und zumal zärtliches Gefühl unterbreitet.

„Das war ein sehr schöner und ruhiger Tag, danke dafür, und entschuldige bitte noch einmal mein blödes Verhalten gestern“, spreche ich, als sie sich beim Zubereiten unseres Abendbrots an mich schmiegt.

„Das war heute ein wohlverdientes Vergnügen. Wir sind eben doch die Wild Wild Westerner und kein Wässerchen kann uns mehr trüben.“

 Die heutige sternenklare Nacht bei abnehmendem Mond, begleitet vom leisen Meeresrauschen des Indischen Ozeans in seiner ganzen schönen Wildheit wird sich für immer in mein Herz einbrennen, nachdem wir uns in dieser Sternenklaren Nacht ausgiebig, zärtlich und voller Liebeshunger einander hingeben.

Am nächsten Morgen sind wir auf einen Schnorcheltrip aus, als ein freundlicher Ranger zu uns ans Camp gefahren kommt und noch einige Hinweise mit auf den Weg gibt.

„Immer ruhig bleiben, solltet ihr das Glück haben, Mantas, Walhaien oder anderen, auch gefährlicheren Arten zu begegnen. Jede Art von Stress oder Panik spüren die Tiere sofort und reagieren entsprechend.“

„Wir sind beide erfahrene Taucher, ich bin seit über zehn Jahren Dive-Masterin und Harry ist ein ebenso erfahrener Rettungstaucher, wir kommen sicher klar, danke für die Hinweise.“

„Ok, das beruhigt mich natürlich und lässt eure kleine Expedition in anderem Licht erscheinen. Ihr glaubt ja nicht, was ich hier schon alles erlebt habe mit Wildcampern, Haisuchern und Großmaulfischern. Also, dann einen angenehmen Tagestrip und nicht vergessen, ihr seid hier draußen vollkommen auf euch gestellt, es sind im Moment nur zwei weitere Fahrzeuge im gesamten Park, was selten ist, und sich jederzeit ändern kann. Euch steht also keine unmittelbare Hilfe zur Hand, sollte etwas schiefgehen. Aufpassen und der Sicherheit den Vorrang lassen ist die Devise hier im Park. Seid ihr gut ausgerüstet?“

Und wie erwartet, trägt Cheryl die Sicherheitslitanei über unser Two Way Radio, Rettungswesten, Rauchsignal und sonstige lebensrettende Gadgets vor, und der Ranger gibt sich schließlich vollends zufrieden.

Wir lassen unser Dinghy vom Trailer direkt in die Korallensee gleiten. Cheryl parkt den Cruiser mitsamt Anhänger am Camp, während ich Motor, Sprit, Technik und Equipment im Boot kontrolliere und alles Notwendige verlade. Die Sonne brennt gnadenlos auf die rostbraunen Felsen des Cape Range Nationalparks, als wir in unserem kleinen Alu-Kahn über sanfte Wellen in Richtung der fürs Schnorcheln ausgewiesenen Oyster Stacks schaukeln.

Wir haben früh abgelegt, als das Meer noch so ruhig war, dass es in dieser stillen Bucht aussah wie grünblaues Glas. Wir schaukeln sanft über die ersten Korallenbänke hinaus, nur das Knattern des kleinen, mit lediglich fünfzehn Pferdestärken betuchten Außenbordmotors und das gelegentliche Kreischen einiger kreisenden Silbermöwen begleiten uns.

Plötzlich zeigt Cheryl auf einen Punkt einige hundert Meter voraus. Etwas silbergraues schimmert durch die Wasseroberfläche. Unsere Herzen setzen wohl einen Schlag lang aus. Sie flüstert unter vorgehaltener Hand. „Da! Schau doch, Harry, das ist ein Whaleshark.“

Das Wasser um uns herum ist kristallklar. Ich kann die bunten Korallen und zahllosen Fische unter uns sehen, als wir zuerst beide vor Staunen den Atem anhalten. Cheryl geht voran, und ich tue es ihr gleich. Vorsichtig lässt sie sich über die Bordwand gleiten, um langsam und behände in das kristallklare Meerwasser einzutauchen. Schnorchel, Maske, Fins, Unterwasserkamera im Anschlag schnorcheln wir über die sagenhafte Farbenpracht der Korallen, stets dabei den Walhai im Augenwinkel, um ihn nicht zu verlieren, aber eben auch nicht zu verschrecken.

 Den riesigen Fisch, der jetzt stetig auf uns zutreibt, wollen wir natürlich nicht vergrämen, also verhalten wir uns vorerst wieder nahezu bewegungslos, denn selbst kleine Luftblasen wie sie von Tauchern erzeugt werden, vertreiben die ruhigen Walhaie schnell. Etwaiges Klimpern oder Klackern wie auch scheppernde Geräusche sind allesamt Störungen, die jene Geschöpfe mit sofortigem Argwohn quittieren, um sich dann unmittelbar in die Tiefen der See zurückzuziehen.

 Es wird uns mulmig zumute, beim Anblick dieses riesigen Tieres, das ich auf fünfzehn bis achtzehn Meter Länge schätze, und hier so friedlich und majestätisch durch das lauwarme Salzwasser gleitet.  Sein Maul ist leicht geöffnet, die Filterplatten, mit dem der Riese die kleinsten Lebewesen, das Plankton, aus der See filtert, sind jetzt sogar für uns sichtbar. Cheryl hält sich dicht neben mir, die Hand fest um mein Handgelenk geklammert, als der sanfte Koloss nur wenige Meter entfernt an uns vorbeizieht. Unsere Welt steht für einen Moment vollkommen still, und nur ein langsames, nahezu besinnlich wirkendes Wedeln der Fluke dieses wundersamen und so friedlichen Tieres bewegt sanft das Wasser.

Ich weiß, dass Cheryl den gleichen Drang wie ich verspürt, zu dem Giganten, der wenigstens fünfzehn Tonnen wiegt, hinzuschwimmen, ihn zu berühren, um diesen magischen Moment an eigener Haut, bei pochendem Herzen und rasendem Pulsschlag in sich und die eigene Seele aufzusaugen. Bevor ich mich versehe, ist sie auch schon bei dem Walhai angelangt. Ich folge ihr vorsichtig einigen Abstand gewährend, und als sie dem Riesen auf wenige Zentimeter nahegerückt ist, streckt sie vorsichtig eine Hand aus und streift so sanft über seine Seite, dass ich es nahezu selbst spüren kann, wie diese beiden wunderbaren Geschöpfe dort einmaligen, intensiven und doch so ehrfürchtigen Hautkontakt zueinander erleben dürfen. Ich selbst vermeide eine Berührung, es käme mir auch eher anmaßend vor, wenn jeder Mensch, der hier zum Schnorcheln und Bewundern anreist, diese Tiere anstandslos begrabschen würde. Dennoch gönne ich meiner Liebsten diesen besonderen Augenblick von ganzem Herzen und weiß, dass sie diesen wundersamen Moment nie wieder vergessen wird.

Wir wenden uns bald ab, da das Tier bald seine Richtung ändert und sich anschickt, in die Tiefen der See abzutauchen.  So schnorcheln wir noch ein wenig herum, setzen dann Tauchbrille und Schnorchel ab, treten einen Moment lang Wasser und sind doch beide sehr aufgeregt. Wie Cheryl mir über ihr Gefühl des Kontakts mit dem Tier berichtet, vermag ich hier kaum wiederzugeben.

„Hast du das gesehen? Seine Haut fühlt sich an wie Sandpapier, und doch ist dieses Ungetüm so sanftmütig.“ Sie schluckt einen offensichtlichen Kloß in der Kehle herunter.

Dann fällt sie mir im nächsten Moment spontan um den Hals. „Das war… Oh Babe, das ist das schönste Geschenk unserer gesamten Reise, dass du mir hast geben können. Harry, so ein Moment, so etwas erleben zu dürfen, ich kann das alles kaum glauben. Danke, danke danke…“

Zart und zugleich stürmisch küsst sie mich, wir genießen diesen Moment wahrlich und sind überglücklich, denn auch ich durfte mit diesem Ereignis etwas so Wundervolles erleben, wie ich es mir nie hätte erträumen können.

Da der Walhai nun vorübergezogen ist, und wir unser Glück noch immer nicht so recht fassen können, bemerke ich einen weiteren Schatten, der langsam aus gleicher Richtung auf uns zu geschwommen kommt. Ich gebe Cheryl, die genau wie ich Schnorchel und Brille wieder aufgezogen hat und Korallen spähend neben mir im seichten Wasser treibt, einen kleinen Knuff in die Seite. Sie kennt dieses Warnzeichen und unsere Köpfe kommen nahezu gleichzeitig aus dem Wasser. Wir nehmen die Schnorchel aus den Mündern. Sie schaut mich fragend an.

„Da ist noch jemand.“

Wir drehen uns um und sehen, wie ein mächtiger Hammerhai aus der tieferen Seite der Korallenbänke auf uns zugleitet. Sein mächtiger plattbreiter Kopf an dem kolossalen, an die vierhundert Kilo auf die Waage bringenden Körper wirft einen unwirklich erscheinenden Schatten auf den sandigen Meeresboden, wobei die Flossen dunkel die wahre Gefahr widerspiegeln, in der wir beide uns jetzt und hier befinden.

Das da ist kein kleiner Fisch, sondern wir haben es mit einem wenigstens fünf Meter langen Killer der Meere zu tun. Er reagiert nicht aggressiv, aber allein seine Präsenz ist übermächtig. Nur zehn Meter entfernt, liegt er agil treibend im Meerwasser und beobachtet, während wir uns vorsichtig Stück für Stück in Richtung unseres Dinghys zurückziehen. Das allerdings ist mittlerweile etwas abgetrieben, da ich keinen Anker werfen wollte, um die Korallenpracht nicht zu zerstören. Es sind vielleicht zwanzig Meter zu schwimmen, die uns beiden ordentlich Angst einflößen, sind wir hier nach der sanften Begegnung mit dem grazilen Riesen nun vollkommen auf Gedeih und Verderb diesem schnellen und gefährlichen Killer der See ausgeliefert.

Cheryl, die solche durchaus gefährlichen Begegnungen an der Küste Queenslands sicherlich schon öfter als ich erlebt hat, nimmt ihren Schnorchel aus dem Mund und flüstert mir seelenruhig zu, während sie auf eine Korallenbank in nur anderthalb Metern Tiefe hinweist. „Da stehen, ruhig bleiben, mach keine hastigen Bewegungen. Der wird uns nicht angreifen, solange wir auf Abstand bleiben.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, raune ich zurück, stütze mich mit meinen Fins vorsichtig auf die Korallen und tauche meinen Kopf ebenso vorsichtig, um ja keinen Wirbel auszulösen, wieder unmittelbar unter die Wasseroberfläche, um den schlanken Jäger besser beobachten zu können. Der Jäger indes scheint gelangweilt, dreht etwas ab, was Cheryl als Wendepunkt ansieht und mir ein Zeichen gibt. Wir entfernen uns gleich mehrere vorsichtige Flossenschläge in Richtung Boot. Cheryl ist vor mir, auf ihr Zeichen allerdings verweilen wir erneut regungslos im Wasser stehend, da der Killer erneut die Richtung gewechselt und anscheinend durch die Bewegung neugierig geworden, erneut auf uns zukommt. Die Flossen diesmal auf einer Sandbank abgestützt, pocht das pure Adrenalin in unseren Schläfen, als der Hammerhai sich wiederum langsam abdreht und ebenso kraftstrotzend wie schlank endgültig an uns vorbeigleitet. Innerlich vollkommen aufgewühlt und verängstigt registriere ich, dass der Abstand zwischen dem majestätischen Tier und meiner Cheryl nicht einmal fünfzig Zentimeter Abstand betrug.

Wir haben in diesem Moment unsere Hände fest ineinander verkrallt, was mir jetzt erst auffällt. Ich drücke die ihrige sanft und lasse sie erst los, als der Hai zwischen den Korallenbänken eine weitere Wende bestreitet, um sodann zurück in die Tiefe zu driften.

Als wir wieder an Bord klettern, bemerkt Cheryl, wie meine Hand zittert als ich Schnorchel und Maske ablege und die Flossen abstreife. „Das war… unglaublich“, spricht sie noch immer andächtig leise. „Ich glaube, ich habe noch nie so schnell geatmet. Wie nahe die beiden uns gekommen sind. Der eine so sanftmütig wie ein Kätzchen, und der andere so todbringend wie der Sensenmann persönlich.“

Ich schlucke jeden Kommentar herunter, lache nur leise, respektvoll und wohl auch noch schwer beeindruckt vom soeben Erlebten. „Natur ist wohl nie einfach nur freundlich oder gefährlich.“

Wir sitzen noch eine gute zeitlang im Dinghy, die Sonne glitzert auf dem stillen Wasser, und jeder von uns ist in sich gekehrt, denn wir durften heute etwas erleben, das sich einfach nicht in ein paar Worte fassen lässt.


Die obige Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten im Jahr 1993. Selbstverständlich sind Namen und Zeiten frei erfunden, die natürlichen Vorkommnisse indes sind wahr und nur durch wenige Abänderungen ergänzt.

Und sollte dir der Stil gefallen, lies doch einfach die gesamte Serie: Zum Buchladen

Hier noch einige aktuelle (2026) Referenzen zu den spektakulären Nationalparks der Coral Coast Region Australiens. Viel Spaß beim Staunen.

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